Ein futuristischer Comic über Weisheit und geschickte Mittel
Dezember 2016
Die Zeitschrift des Tibetischen Zentrums sprach mit Christopher De La Garza über einen Mönch, der vom Klosterberg in die Stadt hinabsteigt — und darüber, warum Dystopie ein Mittel sein kann, auf Missstände aufmerksam zu machen.
Die ewigen Fragen des Menschen nach der Gestaltung seines Lebens, seinen Möglichkeiten, seiner Freiheit und dem Sinn des Daseins stellen sich heute wie zu Buddhas Zeiten. Die Kulissen haben sich durch den technischen Fortschritt stark verändert, aber in puncto Gerechtigkeit, verantwortlichem Miteinander und solidarischem gesellschaftlichen Bewusstsein bleibt die Menschheit weit hinter ihren Möglichkeiten.
Ein junges Künstlerteam stellte sich die Frage, wie man Menschen zum Nachdenken über ihr Handeln bringen und zu positiver Veränderung motivieren könnte. Künstlerische Unterhaltung schien ihnen ein probates Mittel. So entstand eine Graphic-Novel-Reihe über den jungen Mönch David, der sein Heil im buddhistischen Kloster fand, aber schmerzlich erfahren muss, dass es geschickte Mittel braucht, um die Werte dieser Welt für andere nutzbar zu machen.
Als sein Mentor erkrankt und er vom Klosterberg in die Stadt hinabsteigen muss — eine düstere Hightech-Monstrosität mit Schattenexistenzen, Gewalt und roher Teilnahmslosigkeit —, gerät er ungewollt in Verwicklungen, die ihm helfen, seine Ausrichtung tiefer zu verstehen. Sein introvertiertes Wesen findet hilfreiche Ergänzung in der Aktivistin Selah.

Illustration — Sascha Grusche
Erzähle bitte mal über euch, und wie ihr zu eurer Story gekommen seid.
Im Kernteam sind wir drei: Simon Pape, Sascha Grusche und ich, Christopher De La Garza. Sascha hat Physik und Englisch studiert und schreibt seine Dissertation über Optik, Hologramme, Bildaufbau und Wahrnehmung. Simon ist gelernter Mediengestalter und Graffiti Fine Artist und hat Psychologie studiert; er ist unser Concept Artist. Sascha zeichnet die Illustrationen, und ich bin für Script und Drehbuch sowie die PR-Arbeit zuständig.
In der Story geht es um einen Mönch, den wir im Jahr 2027 vom Kloster in die Großstadt zurückschicken. Wir möchten die Leser dazu animieren zu fragen: Wie willst du in Zukunft leben? Welche Weichen müssen wir heute stellen, um eine Lebensqualität zu erhalten, wie wir sie uns wünschen? Durch das Setting möchten wir Leser dazu bringen zu sagen: Nein, das möchte ich anders. Durch die Abwesenheit von Kindern, Natur und einem freundlichen Umgang entsteht nahezu automatisch ein Bedürfnis nach dem Gegenteil. Oscar Wilde sagte, Dystopie sei ein Mittel, auf Missstände aufmerksam zu machen.
Wir überlegen, was uns extrem stört — an der Ökonomie, am Gesundheitssystem — und greifen das als Thema auf. Uns geht es in erster Linie um Unterhaltung mit Tiefgang.
Es soll nicht aufdringlich belehrend sein. Dafür habe ich eine schöne Metapher: Eine Forscherin hat herausgefunden, dass bei der Verwandlung einer Raupe zum Schmetterling sogenannte Imago-Zellen entstehen. Diese Zellen sind bereits im alten System der Raupe vorhanden, erkennen sich während des Prozesses der Auflösung gegenseitig und bilden neue Netzwerke, aus denen dann der Schmetterling hervorgeht. So etwas muss wohl gesellschaftlich gerade auch passieren.

Illustration — Sascha Grusche
Wie seid ihr ausgerechnet auf einen buddhistischen Mönch als Helden gekommen?
Simon sagte, Buddha sei im Grunde der Ur-Psychologe in der Art, wie er Ursache und Wirkung erforscht hat. In diesem Sinne erscheint Buddhismus eher als eine Philosophie.
Wir brauchten einen neutralen Standpunkt von einem Eremiten, der sich aus seiner Abgeschiedenheit wieder heraus begeben musste — in Erinnerung an Nietzsches „Also sprach Zarathustra“, wo ein Einsiedler in die Stadt geht, weder Hirte noch Totengräber sein möchte und auf Tanzende und Schaffende trifft. In unserer Story möchte der Mönch den Stadtbewohnern von dem erzählen, was ihn erfüllt hat, aber sie sind blind und taub dafür.
Er besitzt Edelmut und Weisheit, aber nicht die Geschicklichkeit und Kreativität, es ihnen zu vermitteln. Dann trifft er auf die Aktivistin Selah, und mit ihren Fähigkeiten lässt sich eine Art Neo-Tribe aufbauen, eine Gemeinschaft, mit der sich Gesellschaft verändern lässt. Wir stellen den Protagonisten auch nicht als Heiligen dar, sondern in seiner Verwundbarkeit und seinen menschlichen Beschränkungen.
Wie viel Vorwissen habt ihr euch angeeignet?
Wir haben vier Jahre lang recherchiert und uns sehr intensiv auseinandergesetzt — mit Stadtentwicklung, mit Utopien und Trends und eben auch mit dem Buddhismus. Da sind wir buchstäblich fast wahnsinnig geworden, weil das Feld so unüberschaubar ist. Es gibt so viele unterschiedliche Strömungen und keinen Hauptstrang.
Wir haben dann einen polnischen Wandermönch befragt: Was sagt der Buddhismus über Liebe, Hass, Tod und Leben? Wie gehen Buddhisten mit Freundschaft um? Um den Protagonisten so authentisch wie möglich reagieren zu lassen, auch auf Alltagsprobleme — etwa wie man schlechte Gedanken durch gute ersetzt oder wie man mit Gewalt umgeht und trotzdem besonnen bleibt. Und wir haben uns eine Woche lang in ein Kloster einquartiert.

Illustration — Sascha Grusche
Wie soll es weitergehen?
Wir arbeiten gerade am zweiten Band von geplant dreien und wollen global werden, diese Welt öffnen, möglichst viele Charaktere und Szenarien bereitstellen.
Das Ziel von Hemispheres ist es auch, eine globale Marke aufzubauen. Hemispheres World.
Wo wir nicht nur die Comic-Bücher haben, sondern auch einen Webcomic, in dem internationale Künstler Panels, Strips oder Kurzgeschichten zeichnen — mit einem Online-Magazin, in dem wir Interviews mit Querdenkern, Visionären und Machern bieten, auch als Podcast, um Ideen für die Schaffung einer lebenswerten Zukunft ein Forum zu geben.
Gibt es in deiner Generation die Bereitschaft, sich gemeinschaftlich für solche Ziele zu engagieren?
Das Wort Krise bedeutet ja auch Chance. Unsere Zeit ist geprägt von Individualismus, von der „Marke Ich“, jeder sein eigener Götze.
Doch wo auf einer Seite viel ist, ist immer auf der anderen Seite weniger. Das Übergewicht des Reichtums hat auf seiner anderen Seite den Mangel.
In meiner Beschäftigung mit Zukunftsentwicklungen beobachte ich das sehr genau. Es werden von einflussreichen Kräften Entwicklungen angestoßen, die nicht zu stoppen sind, die wie Wellen über uns hereinbrechen. Auch diejenigen, die solche Entwicklungen anstoßen, können nicht sagen, was aus ihnen wird. Es wird einfach mal einer Branche der Stecker gezogen, und dann schauen alle, was passiert.
Man entscheidet nicht mehr, weil sich etwas auch aus dem Bauch heraus richtig anfühlt, sondern ist durch die Informationsflut, mediale Ablenkung und Entfremdung von sich selbst und der Gesellschaft haltlos und einsam. Wir sind so viele und fühlen uns trotzdem allein. Der Mangel wird himmelschreiend sein.
Ich hatte neulich ein Treffen mit einem wissenschaftlichen Macher in hoher Position, aber wer mir begegnete, war ein Mensch, der sich unterschwellig quälend nach Vertrautheit und menschlicher Verbundenheit sehnte. Das scheint mir allgemein ein großes Bedürfnis zu sein. Erfolg, so heißt es ja, ist, wenn gute Vorbereitung auf den richtigen Moment trifft. Wenn also buddhistische Gemeinschaften, die Kirche und andere, die für diesen Mangel Hilfen zur Bewältigung haben, gut vorbereitet sind, ist ihnen der Erfolg eigentlich sicher.
- Erschienen in
- Tibet und Buddhismus, Nr. 115, Dezember 2016
- Herausgeber
- Tibetisches Zentrum e. V., Hermann-Balk-Straße 106, 22147 Hamburg
- Redaktionsleitung
- Nicola Hernádi
- Illustrationen
- Sascha Grusche
Der Beitrag im Heft
Die drei Seiten aus Ausgabe 115 der Zeitschrift Tibet und Buddhismus.